CRM 4

CRM ist keine Software – und Analytics ist kein Kundenverständnis

Warum viele Unternehmen mehr über Klicks wissen als über Kunden.

In den vergangenen zehn Jahren haben Unternehmen massiv in digitale Fähigkeiten investiert. Sie haben E-Commerce-Teams aufgebaut, Analytics-Abteilungen erweitert, Customer Data Platforms eingeführt, Marketing-Automation-Systeme implementiert und zuletzt erhebliche Summen in Künstliche Intelligenz investiert. Gleichzeitig hat sich in vielen Organisationen eine Annahme etabliert:

von Daniel Ohr

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Wer digitale Daten versteht, versteht auch Kunden.

Oder anders formuliert:

Wer Websites, Apps, Funnels, Kampagnen und digitales Verhalten versteht, versteht automatisch auch Kunden.

Auf den ersten Blick erscheint diese Annahme durchaus plausibel.

Schließlich wissen diese Teams, wer geklickt hat, wer gekauft hat, wer den Warenkorb verlassen hat, wer eine E-Mail geöffnet hat und wer auf eine Kampagne reagiert hat. Sie können digitale Customer Journeys detailliert analysieren und verfügen über mehr Verhaltensdaten als jede Generation von Managern zuvor.

Doch genau hier beginnt das Problem.

Digitales Verhalten zu verstehen ist nicht dasselbe wie Kunden zu verstehen.

Tatsächlich bildet digitales Verhalten häufig nur einen kleinen Ausschnitt der gesamten Kundengeschichte ab.

Kunden leben nicht in Funnels.

Sie leben im echten Leben.

Sie werden von familiären Situationen, finanziellen Prioritäten, Gewohnheiten, Wünschen, Frustrationen, Zeitmangel und vielen weiteren Faktoren beeinflusst, die in keinem Dashboard sichtbar werden.

Und genau deshalb ist dieser Unterschied so wichtig.

Analytics ist hervorragend darin zu erklären, was passiert ist.

CRM sollte helfen zu verstehen, warum es passiert ist – und was daraus folgen sollte.

Ein Dashboard kann sinkende Conversion-Raten anzeigen.

Es kann nicht erklären, warum Kunden das Interesse verlieren.

Ein Report kann eine Kundengruppe mit sinkender Kaufhäufigkeit identifizieren.

Er kann nicht erklären, welche Bedürfnisse möglicherweise nicht mehr erfüllt werden.

Ein Prognosemodell kann zukünftiges Verhalten berechnen.

Es kann nicht erklären, wie stärkere Kundenbeziehungen entstehen.

Trotzdem wird Analytics in vielen Unternehmen zunehmend mit Kundenverständnis gleichgesetzt.

Die Folge ist bemerkenswert.

Viele der Menschen, die heute als Kundenexperten gelten, sind in Wahrheit Kanalspezialisten.

Sie verstehen Websites.

Apps.

Performance Marketing.

Funnels.

Attributionsmodelle.

Digitale Customer Journeys.

All diese Fähigkeiten sind wertvoll.

Aber keine davon erzeugt automatisch Kundennähe.

Zu wissen, welchen Button ein Kunde geklickt hat, bedeutet nicht zu verstehen, warum er sich für eine Marke entschieden hat.

Zu wissen, welche Seite er besucht hat, bedeutet nicht zu verstehen, was ihm wichtig ist.

Zu wissen, welche Kampagne zur Conversion geführt hat, bedeutet nicht zu verstehen, wodurch Loyalität entsteht.

Besonders sichtbar wird dieser Unterschied bei Führungsrollen mit Kundenverantwortung.

In vielen Unternehmen wird Kundenkompetenz heute implizit mit digitaler Kompetenz gleichgesetzt.

Die Annahme ist nachvollziehbar.

Wer Websites, Apps, digitale Customer Journeys, Kundendaten und Online-Verhalten versteht, erscheint häufig als naheliegender Kandidat für kundenorientierte Führungsrollen.

Doch digitales Verhalten zu verstehen und Kunden zu verstehen sind nicht zwangsläufig dieselben Fähigkeiten.

Ein hervorragender Chief Digital Officer ist deshalb nicht automatisch auch ein hervorragender Chief Customer Officer.

Digitale Führungskräfte verstehen häufig Kanäle, Technologien, Daten und Kundeninteraktionen innerhalb dieser Kanäle besonders gut.

Kundenverantwortliche müssen jedoch deutlich breiter denken.

Sie müssen Kundenmotive verstehen.

Kundenpsychologie.

Kundenökonomie.

Kundenwertentwicklung.

Und die Bedürfnisse von Kunden über alle Kontaktpunkte und Lebenssituationen hinweg.

Die besten Customer Leader verbinden beide Perspektiven.

Sie verstehen digitales Verhalten.

Aber vor allem verstehen sie Menschen.

Gerade im Zeitalter von AI wird dieser Unterschied noch wichtiger.

Digitale Analytics erklärt Verhalten.

Kundenverständnis erklärt Entscheidungen.

Viele Unternehmen wissen heute mehr über Klicks als über Kunden.

Sie wissen exakt, wie viele Besucher gestern auf ihrer Website waren.

Haben aber Schwierigkeiten zu erklären, warum ihre besten Kunden ihre besten Kunden sind.

Sie kennen Öffnungsraten, Conversion-Raten und Akquisitionskosten.

Können aber nicht klar benennen, welche Kundengruppen das größte zukünftige Wachstumspotenzial besitzen.

Sie wissen, was Kunden gekauft haben.

Verstehen aber oft nicht, warum manche Kunden ihren Wert kontinuierlich steigern, während andere schrittweise abspringen.

Die Ironie ist offensichtlich.

Noch nie standen Unternehmen mehr Kundendaten zur Verfügung.

Und gleichzeitig wurde vermutlich selten so wenig über Kunden gesprochen.

Kundengespräche werden durch KPI-Reviews ersetzt.

Dashboards ersetzen Neugier.

Reports ersetzen Verständnis.

Und Durchschnittswerte ersetzen echtes Kundenwissen.

Diese Herausforderung wird im Zeitalter von AI sogar noch wichtiger.

Künstliche Intelligenz wird unsere Fähigkeit verbessern, Kundendaten auszuwerten.

Sie wird Muster schneller erkennen.

Insights schneller generieren.

Verhalten präziser prognostizieren.

Und zahlreiche analytische Aufgaben automatisieren.

Doch AI ersetzt keine Neugier auf Kunden.

Keine unternehmerische Urteilsfähigkeit.

Und keine Fähigkeit, Kundenwissen mit Produkten, Preisen, Sortimenten, Services und strategischen Entscheidungen zu verbinden.

Die Unternehmen, die künftig am stärksten von AI profitieren werden, sind deshalb vermutlich nicht diejenigen mit den größten Datenmengen.

Es werden die Unternehmen sein, die ihre Kunden bereits heute verstehen und AI nutzen, um dieses Verständnis weiter zu vertiefen.

Denn Kundenverständnis war nie primär eine technologische Herausforderung.

Es war schon immer eine Managementaufgabe.

Unternehmen, die ihre Kunden wirklich verstehen, stellen kontinuierlich bessere Fragen.

Warum verhalten sich unsere besten Kunden anders?

Warum wachsen manche Kundengruppen und andere stagnieren?

Welche Kundensegmente werden unsere Zukunft bestimmen?

Welche Bedürfnisse bleiben unzureichend erfüllt?

Wo schaffen wir Wert?

Wo zerstören wir Wert?

Und was sollten wir deshalb anders machen?

Genau darin liegt der Unterschied zwischen Customer Analytics und Kundenverständnis.

Das eine misst Verhalten.

Das andere sucht nach Bedeutung.

Das eine erzeugt Informationen.

Das andere ermöglicht bessere Entscheidungen.

Und in einer Wirtschaft, die zunehmend von Daten geprägt wird, könnte genau dieser Unterschied zu einem der wichtigsten Wettbewerbsvorteile überhaupt werden.